Schriftgröße:
Kontrast:  a a a a a /

0521 - 12 21 41
Qualifizierte Beratung und Hilfe bei Sehverlust

info@bsvbi.de
oder nutzen Sie direkt unseren Mitgliedsantrag

Sie befinden sich hier:   // 3: Aktivitäten
.

Aktivitäten

Ausflug in eine andere Welt

Die Bezirksgruppe Bielefeld des BSVW besucht Taubblindenzentrum in Fischbeck

"Der einzelne Mensch steht im Mittelpunkt unseres Handelns" ist in der Broschüre zu lesen, die den rund dreißig Besuchern des Taubblindenzentrums in Fischbeck am 4. September 2004 überreicht wurde. Die Besuchergruppe aus dem westfälischen Bielefeld hat sich auf den knapp zweistündigen Weg nach Niedersachsen gemacht, um die Umsetzung jenes Leitsatzes in die Praxis mitzuerleben. Und, um es vorwegzunehmen: Alle waren tief beeindruckt, wie ernst dieses Motto in Fischbeck genommen wird. "Die Broschüre hat den Titel "Brücke zur Welt" wirklich verdient. Die Menschen, die hier leben, leben aktiv in der Einrichtung und der Umgebung", resümiert Bernhard Suermann, Vorsitzender der Bielefelder Bezirksgruppe des BSVW, am Ende der Tagestour.

Begonnen hatte der Besuch im großen Gemeinschaftsraum mit einer ausführlichen Einführung von Heimleiter Jürgen Hennies und seiner Frau Jutta in die Arbeit und das Leben des 1990 mit 71 Plätzen gegründeten Taubblindenzentrums. Die heute 84 Bewohnerinnen und Bewohner, die hier leben, sind zwischen zwanzig und 73 Jahre alt. Alle sind sehgeschädigt oder blind und hörgeschädigt oder taub. Eine Reihe von ihnen hat zusätzlich eine geistige Behinderung oder zeigt seelische Auffälligkeiten. Besonders diese Menschen benötigen Dauerbetreuung von den 75 Beschäftigten im Betreuungsbereich. Über alle Bereiche einschließlich der Verwaltung sind in Fischbeck 154 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter tätig. Unter der Trägerschaft des Deutschen Taubblindenwerks wurden in Fischbeck für die mehrfachbehinderten Menschen auf 56.000 Quadratmetern neue Lebensformen entwickelt, die die sonst häufig anzutreffenden Über- oder Unterforderungen ausgleichen. Es gibt neben dem Wohnbereich verschiedene Werkstätten für all diejenigen, die arbeiten können, denn für sie ist Arbeit Pflicht. Für alle anderen, die nicht in der Lage sind einer Arbeit nachzugehen, wurde ein Förderbereich zur Tagestrukturierung eingerichtet. Diese Fördergruppen sind ein offenes System: Hat sich jemand zur Arbeitsfähigkeit entwickelt, kann er oder sie in den Arbeitsbereich wechseln.

Die Holzwerkstatt, die Gärtnerei und die industrielle Fertigung, wo Montageabreiten wie zum Beispiel die Zusammenstellung von CH-Hüllen ausgeführt werden, müssen so viel Geld erwirtschaften, dass die laufenden Kosten und die Löhne für die Bewohner bezahlt werden können. Nicht erwirtschaftet werden müssen die investiven Kosten für Maschinen oder Ähnliches.

Hart zu spüren bekommen die Werkstätten die wirtschaftliche Flaute, die zurzeit zu Auftragsproblemen geführt hat. Solche Schwierigkeiten sind aber zum Glück selten, so dass die taubblinden Menschen einen geregelten Tagesablauf haben. Innerhalb des eingezäunten Geländes können sich die Bewohner alleine bewegen. Außerhalb des Geländes werden die Bewohner eins zu eins von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern begleitet. So oft es möglich ist, werden solche "Ausflüge" in die Umgebung gemacht, was zu einer hohen Akzeptanz des Taubblindenzentrums bei der Bevölkerung geführt hat. Die Öffnung nach außen wird durch eine intensive Öffentlichkeitsarbeit und Tagen der Offenen Tür vorangetrieben. Viele Besuchergruppen kommen darüber hinaus in das Taubblindenzentrum, so wie der Bielefelder Verein.
Nicht nur mit Verständnis, sondern als sehr gut wurde die Einschränkung aufgenommen, dass bei der Führung durch das Gelände und die Wirtschaftsbetriebe, die Privatbereiche der Bewohner für die Gäste nicht zugänglich waren.

In Deutschland leben heute schätzungsweise zwischen acht- und neuntausend taubblinde Menschen. Ihre Sinnesschädigungen wurden früher häufig durch eine Rötel-Erkrankung während der Schwangerschaft verursacht. Heute sind diese Behinderungen vorwiegend die Folge von Frühgeburten. Schon früh wird versucht, die Auswirkungen der Beeinträchtigungen auf das tägliche Leben durch Frühförderung zu begrenzen. So haben die Bewohnerinnen und Bewohner in Fischbeck in der Regel eine zwölfjährige Schulzeit im Taubblindenzentrum Hannover hinter sich, bevor sie als junge Erwachsene hierhin gekommen sind.
Durch die enge Zusammenarbeit mit dem Zentrum in Hannover ist der Bedarf an Plätzen langfristig planbar. Zurzeit wird ein Neubau mit 21 Plätzen als tagesstrukturierendes Wohnheim errichtet, da der Bedarf danach steigt.
Wie in den anderen Wohngruppen werden dort zukünftig auch 7 Menschen wie in einer Wohngemeinschaft zusammenleben. Diese Gruppengröße hat sich als günstig im Hinblick auf den Aufwand der Betreuung bei gleichzeitiger Wirtschaftlichkeit erwiesen. Denn auch bei einem Pflegesatz von im Durchschnitt 6.000 Euro, die das Landessozialamt übernimmt, kann die Heimleitung nicht aus dem Vollen schöpfen, da sie für die tägliche Arbeit mit den sinnesgeschädigten Menschen hoch qualifiziertes Personal benötigt. Hierzu zählen Erzieher, Altenpfleger und Heilpädagogen ebenso wie Handwerker und Menschen aus anderen Berufsgruppen in den Werkstätten. Diese Mitarbeiter entwickeln sich durch ständige Supervision in ihrer beruflichen Qualifikation weiter.

Die Anforderungen an die Arbeit sind hoch, denn durch die sehr starken Sinneseinschränkungen ist die Kommunikation mit den Bewohnerinnen und Bewohnern selbst über das Fingeralphabet, Lormen genannt, oder Gebärden bei Menschen mit einem Sehrest, schwierig. Bei manchen sind eine Kontaktaufnahme und die Verständigung nur über so genannte Bezugsobjekte möglich. So ist beispielsweise eine Jacke das Symbol für Spazierengehen. Das grundlegende Ziel der Arbeit mit den taubblinden Menschen ist das Herstellen von Gemeinsamkeit. Was für nichtbehinderte Menschen als Selbstverständlichkeit erscheint, ist für Menschen, die taubblind geboren sind, eine große Hürde, denn sie sind kaum in der Lage sich in andere hineinzuversetzen. Das Führt zu großen Verständigungsschwierigkeiten beim Austausch über innere Befindlichkeiten, denn Gefühle sind für Menschen mit dieser Art von Behinderung kaum kommunizierbar. Das ist der Grund dafür, dass es unter den Bewohnerinnen und Bewohnern kaum Freundschaften oder partnerschaftliche Beziehungen gibt. Als etwas Besonderes empfinden sie allerdings die regelmäßigen Besuche von Angehörigen, vor allem die der Eltern. "Wir sind sehr froh, dass die Familienbeziehungen durch das Leben hier in Fischbeck nicht völlig abreißen", sagt Jutta Hennies zum Abschluss des Ausflugs in eine andere Welt, von dem die Besuchergruppe durch die Begleitung einer Bewohnerin bei dem Gang durch die Einrichtung auch einen kleinen ganz persönlichen Eindruck bekommen hat.

 Einführung in die Arbeit und das Leben in Fischbeck von Heimleiter Jürgen Hennies.
 Begutachtung der Werkstücke beim Rundgang durch die Holzwerkstatt.
 In der industriellen Fertigung wird mit modernen Maschinen gearbeitet.
 Gruppenbild von einigen Gästen aus Bielefeld vor dem Eingang des Taubblindenzentrums Fischbeck.

Dieser Artikel wurde bereits 2783 mal angesehen.

Barrierefreiheit?

Auge
Was versteht man unter Barrierefreiheit?
Sehbehinderungen und Blindheit treten aus vielen unterschiedlichen Gründen auf. Barrierefreiheit ist daher ein wichtiger Punkt.
Mehr Informationen

Mitglied werden

Unterstützen
Jetzt Mitglied werden!
Haben sie Interesse Mitglied in unserem Verein zu werden oder wollen Sie sich erstmal nur informieren?
Hier geht es zum Mitgliedsantrag.
Mehr Informationen
.

xxnoxx_zaehler